Saturday, September 02, 2006

No.13: Transportorientierter Stream of Consciousness – Die Bahn kommt!

Welch grausames Schicksal widerfährt beständig zugfahrenden Menschen. Komfort, Ruhe, Geschwindigkeit – Schlagworte, die das beschreiben könnten, was Bahnfahren ausmacht. Beschreiben könnten, wohlgemerkt! Bahnfahren hat nichts mit Entspannung zu tun – es ist anstrengend, herausfordernd und zwingt einen beständig die Ruhe zu bewahren.

Beginnen wir am Bahnsteig. Voller Erwartung soll ICE 1650 nach Frankfurt pünktlich eintreffen. Unerwartet aber wahr, er ist es – zumindest in Einbezug des akademischen Viertels, welche großzügig eine viertel Stunde hinzuschlägt. Nun denn, als Student muss man eben studentische Unannehmlichkeiten ertragen können. Schließlich möchte man als „Blutsauger“ der Gesellschaft nicht auch noch mit philistergleichen Ordnungstugenden für Unruhe sorgen. Davon hatten wir ’68 schon genug: Wer Steine wirft, wird heutzutage als selbstverantwortliches Individuum möglichst schnell abgestraft, ohne fairen Prozess (sofern man nicht das Glück besitzt an der gleichen Hautfarbe und Nationalität des Bruttonormaldeutschen teilzuhaben), denn schließlich muss sich die wehrhafte Demokratie jedweder terroristischen Aktion erwehren, und landet schließlich in einem geheimen Trakt der Vollzugsanstalt Bautzen.

Wieso eigentlich wird man für Dinge bestraft, welche selbst produziert wurden. Ist die Bahn nicht ein ehemalig staatliches Unternehmen? Wieso provoziert sie Handlungen, welche beinahe als antidemokratisch zu werten sind. Nun: Ich gehe wohl einfach davon aus, dass die Menschen nicht perfekt sind. Wer nicht perfekt ist, macht Fehler und deshalb ist die Bahn durch ihren personellen Dienstleistungszweig – Gott behüte diesen und den Sozialstaat – ebenfalls nicht perfekt. Auf dieser Annahme beruhend, in diesem Wissen kann man nun beruhigt den Zug besteigen und sich sicher sein, dass einen nichts aus der Ruhe bekommt.

Doch halt! Vermeintlich reservierter Tisch ist abhanden gekommen. Wohl abgeschraubt oder gar gestohlen. Nicht doch, wie konnte man auch so unflexibel sein und auf einen Tischplatz bestehen. Immerhin: Ein Fenster ist vorhanden und die Steckdose für jenes Wunderwerk menschlicher Schaffungskraft – den Laptop.

Nun denn, erst einmal entspannen, die Gedanken kreisen lassen, abwarten und dann, wenn die Ruhe, das innere Karma (unglücklicherweise noch nicht bei ebay ersteigerbar), wieder zurückgefunden hat in dieses unglückliche Konglomerat aus Körper, Seele und dem letzten Bisschen dessen, was früher Geist hieß und heute als absolut vorprogrammiert von der Elite des Wissens, den Hirnforschern, abgetan wird, weiter arbeiten.

Ich glaube daran und hoffe dies auch noch zukünftig tun zu können. Schließlich entmündigt man sich quasi selbst, wenn man sich die Fähigkeit abspricht einen freien Willen zu besitzen. Kann man sich eigentlich selbst jedweder Argumentationsmöglichkeit entziehen, sich in einer Diskussion über pro und kontra selbst ins Abseits manövrieren, wenn man sich selbst als für unfähig erklärt selbst definierte Meinung kund zu tun? Dies auch noch freiwillig (oh ich vergaß…).

Die Menschen sind ein komisches Völkchen. Vollziehen einen Freudentanz, nach der Feststellung der eigenen Entscheidungsfähigkeit und dann, sobald sie endlich so weit sind diese mit möglichst wenigen Zwängen auszuleben – Dank sei hier übrigens dem Liberalismus, solange dieser noch nicht begonnen hat sich selbst abzuschaffen – fällt ihnen nichts besseres ein als sich quasi wieder in eine mittelalterliche Ordnung zurückzuversetzen.

Eine Ordnung in der nicht mehr alles gottgewollt, sondern unbewusst selbstgewollt und unbeeinflussbar ist. Aber sinngemäß jede Herrschaftsform legitimiert dadurch, dass diese Person mit der Geburt auf Herrschaftsform eingestellt worden war. Programmierten Robotern gleich haben wir Menschen eine unglaubliche Freude daran uns selbst zu entmündigen. Doch was können wir dafür? Geben die Politiker uns nicht diese Richtlinie vor, wird nicht „outgesourced“, wird nicht privatisiert, Entscheidungsbefugnis abgegeben in der beständigen Hoffnung nicht dafür verantwortlich gemacht zu werden, was schlecht für die eigene Karriere ist.

Wir sind ein spaßiges Völkchen! Ebenso wie das liebevolle Ehepaar, welches mich in Träume vertieft aus meiner Muße hinausreißt und im beständigen Streit sich auf ihre erste Zugreise seit langem freut. Freude, welch Wonne! Ich bin geliefert, ausgeliefert, einer älteren Brigade, welche den grenzenlosen Hass auf den anderen nur in Worte und nicht in Taten fassen kann.

Ein verbales Gemetzel entbrennt über den Sitzplatz, den Zugfahrplan, den Kaffee, den Tisch, das Aussteigegleis, die Richtung der Toilette, den Besuch des Bordbistros und schließlich – ich befürchtete schon sie könnte fehlen – die ungerechte Welt. Entnervt muss ich meine Lektüre über den Kommunitarismus zur Seite legen. Mein Gott, gemeinsame Wertvorstellungen, welche unsere Gesellschaft erhalten soll. Welch „Gutmensch“ dieser Etzioni: Er ist wohl niemals Zug gefahren.

Recht hat er, wenn er den Werteverfall unserer Gesellschaft beklagt, wenn er sieht, wie wir uns quasi selbst in die Anarchie treiben, aber soll er uns doch lassen. Was ein Vorzug wäre es für die Gesellschaft nicht mehr Zug fahren zu können, weil die meisten derselben vollgesprüht in irgendwelchen Gräben liegen – umgeschmissen, zerstört von gemeingefährlichen plündernden Banden, die die glorreichen Ideale unserer Gesellschaft gestern erst verbrannt haben um sich die Hände zu wärmen.

Uns wird es besser gehen, wenn wir erst einmal aus unserem sozialdemokratischen Schlummertraum erwachen, die Böswilligkeit als geistesfördernd anerkennen und endlich damit beginnen uns aus der „autonomen Heerde“ zu lösen und in grenzenlos sadistischer Manier unsere und fremde Moralvorstellungen zu zerstümmeln. Am Ende dann springen wir auf, revoltieren, verlassen das Abteil um uns, gegenüber einem Schwächeren, den Sitz mit Tisch zu erkämpfen, das kurzfristige Glück des Zustandes genießen, bis der Nächste, Stärkere uns von unserem Platz zu vertreiben sucht.

Haben wir nicht viel mehr von diesem kurzen einen Moment, als von der ganzen langen Reise einem alten Ehepaar gegenüber, welches wir am liebsten verlassen, wenn nicht gar vernichten möchten. Gestehen wir uns ein, dass Böswilligkeit unser innerster Trieb ist, Macht ausleben zu können und endlich den Zustand zu erreichen – einen Sitz mit Tisch – welcher uns in gnadenlosem Selbstbetrug von der Obrigkeit, in diesem Fall die Bahn, versprochen wurde.

Man wird radikal, wenn man Bahn fährt, man wird unberechenbar und doch gibt es immer noch Menschen, die einem helfen, tatsächlich helfen. In jenem imaginären virtuellen Zustand der Anarchie, in welchem Mann Menschen, Gesellschaften, Ordnungen, Welten zerreißt, vergisst man schnell die Bindungen, welche das Leben lebenswert machen lassen. Die Sicherheit nicht immer blankem Machtstreben gegenüber zu stehen erfüllt einen mit Dankbarkeit, jenes Zerrbild unserer Umgebung, verschwimmt in gutmütiger Hilfsleistung des Zugpersonals, welches einem aus dem Klammergriff des verbalen Perpetuum mobile der beiden Alten entreißt und uns hinführt zu einem neuen Platz in der Welt. Ruhig, nachdem die vorherig Sitzenden ausgestiegen sind, kann ich Beine und Geist ausstrecken, geruhsam den Laptop anschalten, schreiben und den Genuss des Holztisches, die Freiheit des Raumes empfinden. Bahnfahren kann so angenehm sein.

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