Saturday, September 02, 2006

No. 17: Interview mit einem Weihnachtsmann

Guten Morgen, Herr Weihnachtsmann. Es ist uns eine außerordentliche Ehre Sie in den Räumen unseres Verlages begrüßen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie sich in solch arbeitsreichen Tagen ein wenig Zeit für uns genommen haben.

Oh, keine Ursache, keine Ursache. Ab und an eine kleine Unterhaltung belebt die Sinne und den Geist.

Nun denn, wollen wir gleich einsteigen und die wichtigste Frage gleich vorne wegnehmen. Gibt es Sie eigentlich wirklich?

Ach wissen Sie, dass ist eine metaphysische Spekulation. Wen interessiert es denn wirklich ob es mich gibt oder nicht. Letztlich ist doch alles was zählt, dass ich eine der meistabgebildetesten Personen auf Grußkarten bin. Nicht immer vorteilhaft, das muss ich zugeben, aber doch ziert meine unverwechselbare Arbeitskluft so ziemlich alles was den internationalen Postweg nimmt. Über die Existenz von jemandem der so öffentlichkeitswirksam in Erscheinung tritt, braucht man nun doch wirklich nicht zu spekulieren…

Aber meine Sie nicht, dass Sie ein klein wenig Licht ins Dunkel…?

… ins Dunkel und Trüb der kalten Wintertage? Aber sicher doch. Das ist meine Aufgabe. Es ist meine Aufgabe Freude und Liebe der Menschen untereinander in harten Zeiten zu fördern.

Eigentlich würde ich viel mehr etwas spezifischer auf die Eingangsfrage…

Wie ich schon sagte. Es ist nicht von Notwendigkeit darüber zu spekulieren.

Aber in dem rationalen Weltverständnis unserer Zeit könnte so eine Aussage doch durchaus Klarheit bringen und ein für alle Mal das vage an Weihnachten beseitigen und die Eindeutigkeit dieses Festes weltweit zur Geltung bringen.

Rational, rational!... Was ist schon rational? Wie Descartes so treffend formulierte: cogito ergo sum. Ich denke also bin ich. Weitere Aussagen fallen in die Subjektivität ab. Sie wollen doch jetzt nicht wirklich, dass ich Ihnen hier fantastische Geschichten erzähle, welche gar nicht verifizierbar sind. Glauben Sie es geht mir darum Weihnachten global zu vermarkten? Ja glauben Sie ernsthaft der Begriff des „New Public Management“ hätte Eingang in meine Betrieblichkeit gefunden? Ein jeder soll doch seine Jahre zelebrieren wie er will. Ob er nun meine Existenz leugnet oder nicht, ist für mich völlig irrelevant. Solange ich gebraucht werde, gibt es Arbeit zu tun. Ob es mich dabei gibt oder nicht ist für die zu erfüllende Sachlage völlig irrelevant.

Ich sehe schon, wir kommen hier nicht weiter,… Aber da Sie gerade ihre Arbeit erwähnten. In welchem Arbeitsverhältnis würden Sie behaupten zu stehen?

Ich bin Angestellter.

Nicht ihr eigener Chef?

Wenn ich das jetzt behaupten würde, könnten Sie dieses Interview im nächsten Jahr mit dem Osterhasen oder einer dieser anderen zweitklassigen Heidenhelden führen, weil meine Stelle wohl zur Disposition stehen würde.

Und bei wem sind Sie angestellt?


Bei allen. Den Menschen, den Engeln und natürlich bei Gott.

Gott? Gibt es den wirklich?

Geht das schon wieder los?

Nun ja, es betrifft durchaus auch mein Eigeninteresse.

Das würde ich als Pech bezeichnen.

Nur ein kleiner Tipp für unsere fleißigen Leser?

Die sollen die Bibel lesen. Da steht alles Notwendige drin. Wem das nicht reicht, sollte sich Mal in den Brockhaus vertiefen. Der ist quasi Ergänzungsliteratur.

Berechnungen haben ergeben, dass Sie theoretisch Abermillionen von Geschenke in einer Minute ausliefern müssten. Wie schaffen Sie das?

Betriebsgeheimnis.

Bitte? Ein bisschen mehr erwarten wir aber schon. Es ist doch eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit…

Ich sage Ihnen das nur sehr ungern, aber ich glaube Sie würden es nicht verstehen. So wie Sie schon bei der ersten Frage herumgeharkt haben, würde eine Erklärung in die Selbe Richtung zu nichts führen. Zeit ist relativ. Entscheidend ist was Sie glauben.

Das bedeutet: Die Erfolgaussichten Ihrer Arbeit hängen am Glaube der Anderen.


So könnte man das auch formulieren.

Verspüren Sie nicht manchmal die Lust sich von solchen Abhängigkeiten frei zu machen?


Ich muss zugeben, ein sehr schwacher Mensch zu sein. Ich rauche gern Zigarre, trinke abends meinen Grog und Esse übermäßig viel – Letzteres ist natürlich auch durch meinen Beruf bedingt. Um es auf einen Punkt zu bringen: Ich brauche die Abhängigkeit, sonst würde ich mich irgendwie wertlos fühlen.

Wertlos? Im Sinne von: Was wäre der Papst ohne Katholiken?

Wohl immer noch Papst. Aber ja, das ist ein treffender Vergleich. Allerdings stört mich seine Religionsbezogenheit. Es gibt so viele schöne Beispiele: Ackermann ohne Gerichtsverfahren, Berlusconi ohne SchönheitsOP, Schröder ohne Haarfärbung,…

Meinen Sie nicht, dass Sie gerade ein wenig polemisch werden?

Ist das denn so schlimm? Immerhin ist es mein erstes Interview seit langem und ich bin schon vorsichtiger geworden. Dem Letzten habe ich präziser geantwortet und den haben Sie nach der Veröffentlichung feierlich als Ketzer verbrannt. Also seien auch Sie auf der Hut.

Die Zeiten der Ketzerverbrennung sind nun aber schon längst vorbei.


Und als was würden Sie dann die Bildzeitung bezeichnen?

Nun als vielleicht nicht ganz so seriöses Tagesblatt…

Ich sehe schon die Titelseite vor mir. „Journalist interviewte Weihnachtsmann – Immer mehr Spinner zur Weihnachtszeit“

Da mache ich mir keine Sorgen: Wir haben das ganze auf Tonband und immerhin sind auch noch ein paar Kollegen anwesend.

Würden Sie es glauben, wenn Sie’s hören?

Ach… weiter, weiter. Sie sagten doch selbst Ihre Zeit wäre knapp. Reisen Sie immer noch mit dem Rentierschlitten?

Er ist ungemein praktisch.

Wie schaffen das Ihre Tiere?

Sie sind trainiert und engagiert.

Bei den Bedingungen?? Was sagt denn der Arbeitsschutz?

So etwas brauchen wir nicht. Die Jungs geht’s gut bei nur einem Arbeitstag pro Jahr.

Und der Tierschutz?

Nette Herren. Letztes Jahr haben Sie mich gefragt, ob ich mich für die Peta-Kampagne ausziehen würde. Leider bin ich ungemein eitel und könnte es nicht ertragen meinen großen Kugelbauch auf Din A0 Plakaten zu betrachten. Mein innerer Schweinehund lässt sich einfach nicht überwinden.

Und was ist mit Rudolph? Gibt es den wirklich?

Oh natürlich. Der Prächtigste von allen. Allerdings ist seine Nase nicht mehr ganz so rot wie früher. Sie wissen ja, der Glanz der alten Tage verblasst mit der Zeit. Mein Bart war auch mal voller.

Wann?

Beim letzten Interview zum Beispiel.


Wann war das denn?

Och, zu einer Zeit als christlich noch katholisch bedeutete.

Nun zu etwas mehr Inhaltlichem. Macht Ihnen denn Ihre Arbeit Spass?

Irgendeiner muss es doch machen, nicht wahr? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Der Beruf ist interessant, ich kenne mehr Zimmer von Innen als Innenarchitekten, die strahlenden Kinderaugen am nächsten Morgen und so weiter, aber irgendwie wird es mit der Zeit langweilig. Man macht jedes Jahr das gleiche, optimiert vielleicht noch die Route und ändert die Laufabfolge der Rentiere, aber wirklich Spannendes passiert da nicht mehr.

Aber werden Sie nicht ab und an von Kindern überrascht?

Doch, aber die erkennen mich nicht mehr. Die glauben ich bin der gleiche Typ wie der am Vortag in der Kaufhalle und der hatte in seinem Habitus nahezu nichts mehr von einem Weihnachtsmann. Warum sollte ich Sie vom Gegenteil überzeugen?

Weil Sie der echte Weihnachtsmann sind!

Wer sagt das denn? Ist es denn relativ gesehen nicht durchaus möglich, dass ich gar nicht der echte bin oder möglicherweise nicht existiere.

Schon wieder Selbstzweifel?

Selbstreflexion gehört zum guten Ton, wenn die einen glaubhaft versichern man sei der einzig Wahre und die Anderen erklären auf Grund verschiedener Berechnung und der Überstrapazierung mathematischer Gleichungen, dass ich gar nicht existieren könne.

Aha. Sie sprachen von einem Habitus. Wen könnten Sie sich als Ihren Nachfolger vorstellen?

Mal abgesehen davon, dass ich glaube, dass keiner mehr heutzutage Lust hätte auf so einen Job, würde ich spontan Sean Connery nennen. Der ist sympathisch und hat ebenso einen Hang für außergewöhnliche Kleidung. Außerdem könnte der sich wunderbar von Peta photographieren lassen.

Das mit dem Photographieren stört Sie schon ein bisschen. Sind Sie sehr eitel?

Es muss sich in Grenzen halten, ansonsten könnte ich meinen Beruf nicht ausüben. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden Ihren Beruf in einem roten Sozialistensack mit weißer Schwemmpolsterung ausüben müssen. Übermäßige Eitelkeit würde zum Suizid führen. Und glauben Sie mir, 50% der Weihnachtsmänner begehen Suizid.

Was so viele? Wie viele gab es denn schon?


Zwei.

Also hat sich von Zweien einer umgebracht. Das relativiert die Statistik schon wieder. So schlimm kann es ja gar nicht sein…

Da haben Sie Recht. Fragen Sie mal bei den Engeln nach. Wer hat schon Lust in kurzen Röcken auf Wolken zu sitzen, Harfe zu spielen und sich zu Tode zu frieren, weil es da oben Minusgrade hat. Ganz zu Schweigen von den riesigen Flügeln, die einem bei dem Luftzug die ganze Zeit um die Ohren schlagen. So gesehen geht es uns Weihnachtsmännern durchaus ganz gut. Wir sind bodenständig geblieben.

Bodenständig, wunderbar. Wo genau?

Wie meinen?

An welchem Ort erreicht Sie Fanpost?

Ach so, am Nordpol natürlich.

Und?

Und was?

Wie ist es so am Nordpol zu leben?


Glauben Sie ernsthaft ich lebe dort? Viel zu kalt. Allerdings hat irgendeiner Mal angefangen dieses Gerücht zu streuen und seit dem hat es die Post noch nicht hinbekommen eine neue Adressumleitung durchzuführen. Da habe ich aber auch Nachsicht: Post in diesen Mengen an jemanden der möglicherweise gar nicht existiert auszustellen und dann auch noch an eine neue Postumleitung an einen Ort, den es möglicherweise auch gar nicht gibt an eine Person die es möglicherweise immer noch nicht gibt umzuleiten, ist nicht die einfachste Aufgabe.

Das war kompliziert, aber wir haben ja das Tonband. Wenn Sie nicht am Nordpol wohnen, wo dann?

Im Himmel.

Das heißt genau?

Schauen Sie doch einfach Mal nach oben, vielleicht hilft Ihnen das ja als Ortsbestimmung. Aber fragen Sie mich jetzt bloß nicht wie es so da oben ist. Es ist kalt, es ist wolkig und es stinkt nach Rentiermist.

Oh..

Und außerdem liegen überall Geschenke herum. Ich komme einfach nicht mit dem Aufräumen hinterher. Einen Tag bin ich am Austragen, den Rest des Jahres verbringe ich damit Geschenke zu sammeln, zu verstauen und wieder auszutauschen, sollte Mal ein Wunschzettel „upgedated“ werden.

Was heißt „upgedated“?

Das heißt, dass es immer ein paar Bälger gibt, welche sich nicht wirklich einig über ihre Weihnachtswünsche werden können. Zur Lösung schicken sie einfach mehrere Wunschzettel. Ich nehme meistens den letzten. Allerdings bringe ich die Reihenfolge häufig durcheinander. So ist das Leben. Mal bekommt man ein Geschenk, Mal ist es das falsche.

Könnte ich Ihnen auch einen Wunschzettel mitgeben?


Das können Sie durchaus, aber glauben Sie ja nicht, dass Sie bevorzugt behandelt werden. Wer zuerst einreicht, wird auch zuerst behandelt. Einen Tag vor Weihnachten, sind Sie nun reichlich spät. Versuchen Sie es doch nächstes Jahr im Juni. Die Chancen auf richtige Wunscherfüllung steigen in den arbeitsschwachen Zeiten ungemein.

Herr Weihnachtsmann, wir danken für das Gespräch.

1 Comments:

At 1:36 PM, Blogger High Power Rocketry said...

: )

 

Post a Comment

<< Home